april 2015, kyiv, maidan of independence

T: Ich werde Ukrainisch reden.

 

M: Erzähl bitte, wer bist du.

T: Ich heiße Tamara Bernadska, ich bin 30 Jahre alt. Früher habe ich als Werbungmanagerin gearbeitet. Danach als Produzentin im Fernsehen. Und jetzt kann man so sagen, dass ich nicht mehr in meinem Fach arbeite. Aber ich habe angefangen professionell mein Hobby auszuleben.

M: Wir werden dir die Fragen stellen, die wir auch anderen gestellt haben.
 

(Telefon klingelt)

T: Entschuldigt. Nein, ich bin nicht Katja. Sie haben sich verwählt. So, Entschuldigung.

Ich heiße Oleksander Solontai. Ich bin 34 Jahre alt. Wir befinden uns gerade im “Kupidon”, das ist auf der Prorizna Straße, in Kyiv. In der Nähe dieser Straße arbeite ich. Eigentlich sind es nur wenige Schritte bis zum Kreschtschatyk und dem Maidan-Platz, wo all das zwischen November und Februar letzten Jahres stattgefand. Auf dem Euromaidan war ich vom ersten bis zum letzten Tag, bin dort ziemlich zufällig gelandet, weil ich gesehen habe, dass sich dort Menschen versammeln, wusste aber nicht warum. Ich bin nach Kyiv geschäftlich gefahren und bin dort so geblieben. All die Tage war ich dort, außer für ein paar kurze Ausflüge innerhalb des Landes, nach Donezk, Simferopol, Charkiw, Ostukraine und einmal ins Ausland. Ich habe alles mit meinen eigenen Augen gesehen, was hier stattgefunden hat und trauere natürlich um alle, die nciht vom Euromaidan zurück kamen. Nicht alle, die dorthin gingen, ahnten nicht, wie es am Ende aussehen würde. Zum Glück hat sich der Euromaidan für die Ukraine als Wechsel des ganzen Landes entpuppt. Aber unglücklicher- und traurigerweise für die Menschen, denn ein Teil von denen ist behindert oder verwundet und ein Teil ist gar nicht heim gekehrt.

 

Erzähl uns deine Eindrücke vom Maidan.

 

Kalt, ist der stärkste Eindruck. Sehr kalt. Es war so ein gängiger Witz, warum wir unsere Revolutionen eigentlich immer zum Winter hin machen. So wars mit der Steuerrevolution und mit der Orangen Revolution. Die Studenten in 90/91 waren immerhin etwas klüger, als sie im Oktober revolutionierten. Wenigstens war es nicht so kalt. Also empfehlen wir den nächsten Generationen, jegliche Revolutionen für den Frühling und den Sommer zu planen. So ists besser.

 

Wissen Sie, jedes Mal war der Euromaidan anders und das hat man stark gemerkt. Am einen Tag sind wir für eine Sache kämpfen gegangen und paar Tage später sind wir für was anderes. Und dann wieder für was anderes, das ändert sich ständig. Also, zuerst gingen die Menschen auf den Maidan, weil sie Azarow Unrecht gaben, dass er nicht die Assoziation mit der EU unterschreiben wollte. Das Ziel war, die führende Regierung unter Druck zu stellen, sodass die Assoziation unterschrieben wird. Einige Tage später hat die Regierung gesagt, dass sie nichts unterschreiben wird. Dann stand der Euromaidan für den Wechsel der Regierung. Und noch bisschen später wollte Janukowitsch die Studenten und den Euromaidan auseinander scheuchen. Dann also kam der Euromaidan, um die Studenten zu schützen und die Angreifer zu bestrafen. Folglich stand der Euromaidan also gegen Janukowitsch selbst. Wieder etwas später entschied Janukowitsch unschuldige Leute in Gefängnisse zu stecken, kam dann bei uns allen das Gefühl, dass wir jetzt für den kompletten Regierungswechsel sind. Und so kamen Tag für Tag neue Punkte auf die Agenda des Maidans. Es war, als ob du auf einem sich ständig verändernden Platz stehst, auf dem die Geschichtsschreibung des Landes stattfand. Das war ein sehr konzentrierter Ausdruck dieser Geschichtsschreibung, weshalb man sagen könnte, die Ukrainische Gesellschaft hat sich auf eine andere Stufe begeben. Vor dem Euromaidan, und nach dem Euromaidan. Faktisch hat sich die Gesellschaft geöffnet. Wenn davor noch die Rede von der Geburt der ukrainischen Nation war, dann gibt es sie heute schon. Wenn davor noch von demokratischen Sprossen in der Ukraine gesprochen wurde, dann gibt es jetzt eine große Nachfrage danach. Die Menschen wollen Demokratie. Wenn davor Menschen von europäischen Werten gegesprochen haben, obwohl 80 % von denen noch nie in Europa waren, dann sind heute immer noch 80 % noch nie rausgekommen, aber wollen, dass Ukraine ein europäisches Land ist. Na, nicht alle, aber mehr als 50% wollen das. Man könnte sagen, die ukrainische Nationsgründung fand also erst jetzt statt. An dem Euromaidan, der 20+ Jahre nach der Unabhängigkeit stattfand, nahmen junge Menschen der Jahrgänge 92-93-94 teil. Die sind jünger, als ich. Aber wir alle waren glücklich, sie dort zu sehen, weil es klar war, dass die Nationsgründung abgeschlossen ist. Die Menschen, die hier geboren sind, treiben Wechsel dieses Landes an.

 

Du hast von der Geschichtsschreibung gesprochen. Aber was denkst du heute, wenn du über den Platz gehst?

 

Jeder, der heute über den Maidan geht, sieht, dass die Institutska Straße abgesperrt ist. Da fahren keine Autos und sie liegt da, als die Straße, auf der die meisten Menschen erschossen wurden. Dort gibt es viele Symbole und Zeichen der Schießereien. Und auf dem Maidan spazierend, erinnere ich mich am meisten an die Menschen, deren Seele hier begraben liegt. Menschen, die aufgestanden sind für ihre Würde, um zu zeigen, dass sie Menschen sind, dass sie kein Vieh sind, keine Sklaven, keine Tiere, keine (Kripostni?????)?, keine Bürger eines totalitären Landes, sondern eben Menschen mit Würde. Die wurden nur dafür getötet. Sie wurden für nichts getötet. Nur dafür, dass sie für ihre Freiheit standen. Ich denke an die Barrikaden, an die Zelte. Den Maidan habe ich vor Augen, diese emotionalen Momente, die du durchlebst und in denen unklar ist, ob du lebendig zurück nach Hause kommst oder nicht...ich habe nicht auf den Barrikaden gekämpft, ich habe keine Steine und brennende Flaschen geworfen. Ich stand in der Mitte und unterstützte moralisch all die, die dort waren. Aber ich sah, wie an meiner Seite Menschen fielen. Während der Schießereien wurden nicht nur die erschossen, die vorwärts gingen. Ich habe ein Mädchen gesehen, auf das geschossen wurde. Sie trug Kleidung einer Krankenschwester. Ihr wurde in den Hals geschossen, ein Sniper. Wenn ich hier also lang gehe, habe ich kein positives Gefühl von dem Aufstand, der gewonnen hat. Ich sehe darin kein Glück, dass es die Revolution gab und die gewonnen hat. Wenn man es ohne Aufstände lösen könnte, dann wünschte ich mir, es gebe sie nicht. Am meisten sehe ich also die Menschen, die ich persönlich kannte, mit denen ich befreundet war und die dort gestorben sind. In dieser Fussgängerzone gebe ich ihnen meine Anerkennung und wünsche mir, dass alle unsere Bürger, die Bezug zur Politik und zum Land haben, den Opfern dankbar sind. Alle sollen verstehen, dass es nicht umsonst geschehen ist, dass unser Land mit vielen Opfern dafür gezahlt hat, dass die Helden ihr Leben heldenhaft gelebt haben. Aber ein Held kann am Ende so bezeichnet werden und nicht als irgendein Versuch, wenn die Gesellschaft sich anders aufführt und sich verändert hat. Ja, das ist sehr wichtig.

 

Was denkst du, wie ist die Zukunft der Ukraine?

 

Ich denke, die Ukraine ist ein europäisches Land. Ich selbst komme aus Uzhhorod, das ist westlische Mitte des Landes. Kyiv ist östliche Mitte. Es gibt noch die Region Zakarpatja, so genannt, weil als der Kyiver Perspektive befindet sie sich hinter den Karpaten. Aber dort machen wir den Scherz, dass der Rest der Ukraine hinter den Karpaten ist und wir sind dort, wo wir sein sollen - in Europa. Das ist halt so ein Witz. Aber meine Region, die Grenzen mit Polen, Slowakei, Ungarn und Polen hat, wo das geographische Zentrum Europas liegt, wo Städte über 1000 Jahre alt sind, hat keine Zweifel daran ein Teil Europas zu sein. Ukraine stand vor einer verzweigten Straße (Rozdorizhja??????). Nach dem Euromaidan ist die Ukraine ein europäisches Land. In den Köpfen ist die Verzweigung beendet. Dafür, dass wir das ausgesucht haben, hat uns die benachbarte Kreml-Diktatur angegriffen. Nur dafür, dass sie die Kontrolle über das Land verloren haben. Früher haben sie die ganze Ukraine kontrolliert. Als Resultat des Euromaidans haben sie die Kontrolle verloren, haben aber Teile des Donbass, Krim und Sewastopol, die am wenigsten europäisch eingestellt waren. Wenn also vor dem Euromaidan man von der Zwiespalt gesprochen hat, kann man jetzt sagen, dass es nicht mehr so ist. Diese Gebiete sind aus dem heutigen Territorium des Landes rausgefallen, zumindest für den Moment. Und der Teil, der sich geformt hat, ist zum ersten Mal in der Geschichte nicht nur proeuropäisch, sondern auch mit der konstitutionellen Mehrheit. Aus den 300 Stimmen der Parlamentsmitglieder - Korrupte, Businessmen, Oligarchen, vory??????, Verbrecher, Korrekte, nicht Korrekte, gute Mitglieder - alle sind sie proeuropäisch eingestellt. Unabhängig davon, wie das Volk hier sonst hier, aber alle denken auf die europäische Art. Es sieht das Land als ein Teil der Europa.

 

Glaubst du daran, dass die prorussischen und die proeuropäischen Mentalitäten im Land jemals wieder in Grenzen eines Landes leben könnten?

 

In der Ukraine haben sowieso schon viele unterschiedliche Mentalitäten zugleich gelebt. Die einen meinten “Wir müssen ein Teil des Europas sein”, die anderen sagen “Wir sollen unabhängig sein, mit niemandem, nirgendwie, nichts”. Oder “Wir müssen zurück zu Moskau kehren und ein Teil des großen russischen Imperiums werden”. So, und ein Teil hat keine Meinung...”Komme, was wolle. Es wird, wie es wird und so weiter”. Und eine Mentalität, die im Zuge des Maidans verschwindet, ist, dass die Ukraine ein Fehler ist, dass es sie nicht geben soll, dass sie zurück zum russischen Imperium soll und dass wir abhängigkeit bleiben sollen und Moskaus Befehle erfüllen. Also, die Mentalität ist komplett verschwunden in der Ukraine während des Euromaidans. Ein neues Verständnis ist entstanden: der neue “Zhydo-Banderovez”. Das ist eine Person, die auf russischer Sprache denkt, spricht, sie ist russisch. Die Muttersprache ist Russisch. Meine Muttersprache ist auch Russisch, mit der bin ich aufgewachsen. Aber diese Person denkt sich nicht als Teil der russischen Welt, sondern als Europäer. Die russische Kultur ist in mir, aber ich verstehe mich als Europäer. Ich selbst entscheide über mein Schicksal, nicht irgendjemand in Kreml, aber ich selbst als Bürger.

 

Welche Rolle hast du selbst auf dem Maidan gespielt?

 

Am ersten Tag des Euromaidans habe ich keine große Rolle gespielt. Ich kam vorbei, habe zugeschaut, gesehen, wie es sich entwickelt und die Menschen ruhig zusammen kommen und bin dann nach Hause zum umziehen gegangen. So, ich habe verstanden, dass es beginnt. Ich war in dieser üblichen Kleidung und verstand, dass zum Morgen hin da keine Menschen mehr bleiben. So war es dann auch. Es sind nicht viele geblieben, außer ein paar Fanatiker. Ich bin danach zum Maidan gezogen. Dort habe ich nicht übernachtet, aber 1-2 Tage später kam die Organisation “Stärke der Menschen”, zu der ich auch gehöre - hier ein Zeichen - hat den Versuch gemacht, die ersten Zelte auf dem Platz aufzubauen. Geendet hat das alles schrecklich. Berkut hat angegriffen, die Zelte weggenommen, die Menschen verhaftet, aber wir haben gezeigt, dass es uns ernst ist und wir dort lange bleiben. Am nächsten Tag haben wir mit dem Organisationsvorstand den Studenten Entschuldigungen geschrieben, die sie in der Universität vorgezeigt haben, dass sie nicht schwänzen, sondern auf dem Maidan demonstrieren. Damit sie kein Ärger dafür kriegen, haben wir sie also in Schutz genommen. Dann haben wir uns natürlich darauf vorbereitet, dass die Studenten bald auseinander gescheucht werden. Uns hat dann noch niemand geglaubt. Zusammen mit Igor Luzenko und Volodja Vitrovych dachten über den Plan, die der Euromaidan in eine Revolution übergehen kann. Damals hat das, was wir sagten, sehr komisch geklungen, wie Sciene-Fiction. Wir behaupteten, dass der Euromaidan bald gnadenlos und brutal vertrieben wird und eine zweite, explosive Welle des Euromaidans beginnen würde. Diesen Plan haben wir maximal im Internet verbreitet und die Leute darauf eingestellt. Menschen waren natürlich zuerst skeptisch, aber der Gedanke ist in den Köpfen größer geworden. Wir haben so etwas, wie intellektuelle Propaganda betrieben und an den nächsten Schritten gefeilt, denn die Menschen fragten, was weiter passieren wird. Es würde kein Weiter geben, also haben wir unsere Antwort darauf gegeben.

Ich kam regelmäßig mit Freunden, Kollegen zum Maidan, das erste Mal mit meiner Frau. Und als die Studenten dann verscheucht wurden in der Nacht vom 29. Zum 30. November, haben wir uns dann geteilt. Ich beschloss dann mehr draußen, sozusagen auf dem “Feld” zu sein, und ihre Freunde unter ihrer Anleitung haben die Hilfstruppe “Euromaidan SOS” gegründet, wo die ganzen Infos hingingen. Sie wurde also zur Koordinatorin der Hilfsgruppe und ich habe plötzlich angefangen zu lernen, wie man auf dem Feld kämpft. Und vor dem Start der Revolution am 1. Dezember - bevor die Menschenmassen kamen und nachdem die Studenten vertrieben wurden - wurde mir das größte Versäumnis klar, dass Menschen niedergeschlagen werden, aber niemand sie verarzten könnte. Olha Omenchuk, Hennadij Dorozenko, Anton Malejev und andere Leader, Dmytro Dobot, haben die erste Medizinische Hilfe auf dem Maidan geschaffen. Am 1. Dezember, im Zusammenhang mit den Geschehnissen, die passierten, haben wir nicht nur verhindert, dass Menschen getötet werden, im Ungleichgewicht von Mensch gegen Bulldozer, haben unsere Aktivisten also medizinische Hilfe gegeben. So ist dann die Medizinstation entstanden, die völlig unabhängig von uns gearbeitet hat. Dann haben wir den Plan herausgegeben, was weiter geschehen soll. Dann haben wir den Marsch der Millionen vorgeschlagen. Danach haben wir mit den Rechtschützen die Befreiung der Menschen aus den Gefängnissen vorgenommen, die Neues Jahr auf dem Hof des Lukjanivsi slidchyj izoljator?????? verbracht haben mit moralischer Unterstützung denen, die hinter Gittern saßen. Wir schrien denen, dass wir sie raus holen. Zu dem Zeitpunkt waren wir eine Bürgerinitiative, keine Opposition. Wir haben also versucht, erstmal die offenen Türen für uns auszunutzen. Als wir sahen, dass sich auch andere darum bemühten, nahmen wir uns eine neue Aufgabe vor. Wir wollten, dass der Euromaidan zur Erfolgsgeschichte wird, also haben die Lücken geschlossen, die wir gesehen haben. Wir haben uns nicht mit der Opposition abgesprochen, ich war eher kritisch eingestellt. Wir haben uns eh als unabhängige Bürgerinitiative verstanden und haben mit denen nichts zu tun gehabt. Also mussten wir niemandem erklären, was wir hier machen, mussten nicht zu Besprechungen mit Janukowitsch hin und konnten so bis zum Ende bleiben. Zu den Radikalen waren wir respektvoll, da sie sich körperlich mit der Miliz auseinander gesetzt haben. Sie waren also die Brücke zwischen uns und dem Teil der Gesellschaft, die sich an uns orientiert hat.

 

Hast du eine konkrete Situation, die du uns schildern kannst, positiv oder negativ?

 

Es gibt natürlich viele Momente, an die ich mich erinnere. Speziell zwei sind aber die, die mich schockiert haben. Der eine ist eher persönlich, der andere ist eher eine Beobachtung der Bewegung.

Persönlich. Am 1. Dezember, als wir mit den Jungs versucht haben, den vom Präsidenten gesandten Sturm zu stoppen, das endete damit, dass wir diesen Bulldozer zerrüttelt haben, in diesem Moment haben mich die Radikalen einige Male geschlagen. Sie trugen Masken, verschleierte Gesichter, die ich nicht sah, außer die Augen. Als ich danach analysierte, was ich sah und was passiert ist, wunderte ich mich, wie akkurat sie mich geschlagen haben. Und die markierten Leute liessen es nicht zu, mich zum Tod zu schlagen. Zwei von denen kamen auf mich zu und sagten: “Sascha, entschuldige, aber wir haben unser Ding.” So verstand ich, dass ich es mit Leuten zu tun habe, die mich kennen, die einfach radikal denken, und für die Gewalt normal ist. Ich sah, wie also mitten auf dem Maidan diese zwei Konzepte gegen einander gekämpft haben: das der friedlichen Demonstration und der Gewalt, als Antwort auf die Reaktion des Staates. Letztendlich hat die friedliche Konzeption gewonnen und ich bin froh, zu der gehört zu haben. Das war ein Aufstand, das war keine vorbereitete Revolution, das war nicht geplant, wie die Orange Revolution. Das waren Emotionen der Gesellschaft und deren Explosion. Und das war sehr wichtig, das kontrolliert stattfinden zu lassen, um unsere europäische Einstellung zu zeigen.

Eine zweite Beobachtung fand ich sehr interessant. Da habe ich nicht teilgenommen, habe aber alles von der ersten bis zur letzten Sekunde mitverfolgt. Als die Menschen zur Administration marschierten und nicht gelassen wurden und mit Gewalt von der Miliz angehalten...als sie mit Feuerflaschen antworteten, mit Ziegelsteinen und Stöcken, und die Miliz zurück mit Schüssen. Menschen gingen weiter, trotz der Feuergrenze und all dem...dieser Sturm hat einige Tage lang gehalten, nonstop. Das Beeindruckendste war also, als die Menschen kamen, an allem teil nahmen, müde wurden - wie lang kann ein Mensch schon kämpfen, 5, 6 vielleicht 8 Stunden - stand ich als Beobachter mittendrin. Es ging unaufhörlich weiter, ich schlief dann 4-5 Stunden und ging wieder hin, wo es weiterhin brannte. Die einen waren in der Schlacht, wurden müde und gingen wieder. An deren Plätze kamen Neue, kämpften, wurden müde und dann die nächsten, die kamen und gingen. Ohne jegliche Anleitung der Regierung hat die Gesellschaft also ihre Wünsche ausgedrückt auf die einfache Art eine Grenze zwischen sich und der Miliz zu bauen. Sie hat klar gemacht, wo der Bereich ist, in dem keine totalitäre Macht rein darf. Hier ist Freiheit und freie Gesetze. Das war beeindruckend, als die Leute das ohne organisierte Führung gemacht haben. Das war echtes nationales Unwetter. Das war für mich am beeindruckendsten, weil es der Beweis dafür war, dass es nicht nur organisierte Institutionen für das Volk gibt, sondern endlich gibt es die Bürger selbst. Einfach nur Menschen.

 

Was bedeutet die Dezentralisierung für das Land?

 

Ihr kennt ja die städtische Selbstverwaltung, Substitutionen, die föderale Ebene, die den Ländern nur die Fragen abnimmt, die die Länder selbst nicht lösen können. Oder wenn auf der Länderebene das entschieden wird, was die Stadt selbst nicht entscheiden kann. Nur das, was also auf Stadt- oder Länderebene nicht entschieden werden kann, entscheidet dann Merkel. Die Ukraine ist kein solches Land. Vor dem Euromaidan war das ein Land, wo die Regionen nichts selbst entscheiden konnten. All die Entscheidungen, Gelder wurden von oben gerissen. Und obendrauf hat sich die Janukowitsch-Familie mit goldenem Klo gesetzt. Seine Familie, nu seine Leute haben alle Fragen gelöst. Das war der Prozess der Zentralisierung. Heute ist der umgekehrte Prozess, der die Entscheidungen wieder an das Volk übergibt. Also das ist die Dezentralisierung auf Ukrainisch und bedeutet zwei Sachen: wieder das zurück geben, was Janukowitsch geklaut hat und das Land demoktratischer zu machen. Das bedeutet Eigenverwaltung auf Stadt- und Landebene, Gesetze, die es Menschen möglich machen, mitzugestalten, Bürgerliche Kontrolle über die Regierung. Neben den demokratischen Rechten soll den Menschen die Verantwortung gegeben werden, über ihre lokalen Angelegenheiten selbst zu entscheiden.

M: Erzähl uns bitte deine Eindrücke vom Maidan.

T: Wenn ich vom Maidan und von Eindrücken sprechen soll, muss ich erstmal überlegen, was das für mich bedeutet. Mir ist eingefallen, dass einige Jahre zuvor, als ich schon lange nicht gemalt habe, bin ich ins Studio gegangen und wollte wieder anfangen. Dann bin ist zu einer Meisterklasse gegangen. Uns wurde die Möglichkeit gegeben, das zu malen, was wir wollten. Da gab es so kleine Bilder und ich habe mir eins ausgesucht eine Wiese mit Narzissen und habe angefangen das zu malen. Zuerst die gelben Narzissen. Eine halbe Stunde später habe ich darauf geschaut und gemerkt, dass es eher wie Löwenzahn aussieht. Gelb, sympatisch. Der Künstler ist zu mir gekommen, hat mir geholfen. Dann habe ich mit meinen Fingern gemalt. Und dann wurden daraus Pusteblumen, also schon am verwelken. Für mich ist Maidan, der sich von einer Narzissenwiese in eine Löwenzahnblume verwandelt hat. Warum ist das so? Am Anfang, als alle Menschen sich auf dem Maidan versammelt haben, vielleicht war das nur mein Eindruck, waren alle selbstvierliebt. Die Studenten, Menschen, die an sich dachten. Dann, als all die Ereignisse kamen, war es der Anfang. Sie haben einander bemerkt, sich verändert in diese kleinen gelben Löwenzahnblümchen - sonnig, inspiriert, nett zu einander. Und nach dem Maidan war es dann ein Feld mit diesen grauen Köpfen, den Pusteblumen. Diese Pusteblumen kann man auch mit dem Nervensystem vergleichen. Diese weißen Fäden, die herausragen. Wenn auf dich der Wind pustet, dann bläst er dein Nervensystem weg. Und das fliegt sonst wohin. Das sind für mich die Eindrücke des Maidans, weil danach ist selbst wie die Pusteblume war und mein Nervensystem hat genau so ausgeschaut.

 

M: Welche Rolle hast du auf dem Maidan gespielt?

 

T: Ich bin eher eine Beobachterin. Ich kam hierher zum gucken, habe versucht die Menschen zu unterstützen. Wenn Freunde oder aus dem Business mit fragten, denen den Maidan zu zeigen, habe ich die an die Hand genommen und gezeigt. Ich habe die Informationen über den Maidan aus dem Internet gesammelt. Warum so? Ich bin ein leicht zu beeindruckender Mensch und große Menschenmengen machen mir Angst. Ich habe dann den Eindruck, dass ich zertreten werde. Deswegen versuche ich diese Örtlichkeiten, die deshalb gefährlich werden könnten, an der Seite zu umgehen. Deswegen ist meine Rolle eher als Beobachterin. Ich kann nicht sagen, dass ich da viel investiert oder geopfert habe. Ich habe mir eher Sorgen gemacht, gebetet und war diejenige, bei der der Dach vom Häuschen rutschte, als ich alles sah, beobachtete und verstand. Kann man das als Investition bezeichnen? Vielleicht doch. Auch der Mensch, der vor dem Fernseher alles gesehen hat und sich Sorgen machte und in irgendeiner Art und Weise legte sie darin ein Stückchen ihrer Seele. Sie dachte darüber, sie betete. Sie hat irgendwas gemacht. Ich weiß nicht, inwiefern das geholfen hat, aber bestimmt hat es. In der Bibel gibt es eine Phrase, wo 2-3 sich Jesus zu liebe versammeln und beten. Unter denen war dann der Jesus. Hier war es wahrscheinlich auch so: Je mehr Menschen hier waren, desto mehr Chancen, dass sich irgendwas ändert.

 

M: Hat der Maidan was in deinem Leben verändert oder dich?

 

T: Er hat was verändert. 100 %. Z. B. Dass meine Nerven in der Maidan-Periode einfach geflogen sind. Das ist eher ein negatives Ding. Und positiv? Vielleicht ist das etwas positives: wir haben aufgehört gleichgültig zu sein. Wir haben aufgehört, das Herz zu zuschließen vor den Geschehnissen drumherum. Ich habe verstanden, dass wenn nicht ich etwas ändern werde, dann wer? Selbst das Kleinste, was von ihr abhängt, aber sie muss das machen, weil es sonst niemanden gibt, der das machen könnte. Wenn nicht du, dann niemand. Was noch? Natürlich hat es mich auch in professioneller Weise beeinflusst. Nach dem Maidan konnte ich dann nicht mehr Werbung verkaufen oder sonst was. Warum? Ich habe in dieser Zeit sehr viel nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Tätigkeit nicht sehr effektiv ist. Ich mache nicht das, was mir inneren Frieden und Zufriedenheit bringt. Ich wollte etwas in meinem Leben ändern und etwas machen, was für alle etwas bringen würde. Was könnte ich machen. Ich habe entschieden, Spielzeug zu machen. Menschen schauen auf die und lächeln. Das bringt denen Freude und Spaß. Das beruhigt die. Ich kann auch Meisterklassen geben und lehren, solches Spielzeug herzustellen. Der Mensch bekommt dann auch positive Emotionen. Das beeinflusst den Menschen insofern, dass die Nerven beruhigt werden. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr, dass wenn mensch etwas mit den Händen macht, das sich wie eine Therapie auswirkt, die beruhigt und zu sich selbst zu finden verhilft. (min. 8:43) Wieder ins Gleichgewicht kommen. Ich denke, das ist gerade wichtig für die Ukraine, weil wir uns alle im Postmaidan-Stress befinden. Menschen sehen Krieg und brauchen etwas Helles, etwas Gutes. Man muss einander und die Welt lieben, und nicht in sich selbst einkehren. Etwas, was nach dem Maidan passiert ist, sind die Igel, die ich jetzt mache. Es ist so passiert, dass im Sommer vor dem Maidan wir einen Igel gefunden haben, der krank war und Brandwunden hatte. Er ist in irgendeine Flüssigkeit gerannt, die ihm die Fresse geätzt hat, Bauch, Beinchen. Wir haben den zum Tierarzt gebracht, haben den gepflegt, den mit bisschen Fleisch und Fisch gefüttert. Am Ende des Sommers wurde es besser. Neue Nadeln sind gewachsen. Und ich wollte dann selbst Igel herstellen, weil ich den vermisst habe. Da hat meine Igelomanie angefangen. Und dann passierte der Maidan. Ich weiß nicht, wir dachten erst gestern daran, woran der Maidan mich erinnert. Wohl an den Igel. Ihr wisst es selbst, dass wenn ihr zum Igel kommt, bleibt er auf der Stelle und läuft nicht weg. Ihr könnt für den gefährlich sein, könnt den schlagen, aber der läuft nicht weg. Bleibt auf der Stelle und stellt seine Nadeln auf. So auch der Maidan. Noch etwas wichtiges, was ich aus der Kommunikation mit dem Igel entnehme. Von außen ist er spitz, du kannst den nicht mit den Händen nehmen. Aber innen hat er einen kleinen zärtlichen Bauch. Hier sind meine Igelchen (entnimmt sie aus der Verpackung). Wenn ihr nett zum Igel seid und er das Gefühl hat, dass er euch vertrauen kann, wird er mit der Zeit seinen Bauch hinhalten zum Kraueln. Dann versteht ihr, dass er gar nicht so spitz ist. In Wirklichkeit wünsche ich mir, dass die Menschen in der Ukraine so wie Igel sind. Auf der einen Seite geschützt. Und von der anderen Seite soll da der feine Bauch sein, dass die Möglichkeit bleibt...dass wir uns nicht alle in so einen spitzen Ball verwandeln. Sondern dass wir von der einen Seite spitz und von der anderen Seite der zärtliche Bauch, der gekrault werden kann. Das wird alles gut. Dann haben wir keine Angst vor Feinden.

 

M: Dürfen wir den Igel drum bitten, etwas vorzusingen oder etwas zu erzählen?

 

T: Ich weiß es nicht, darauf habe ich mich nicht vorbereitet und das ist jetzt ziemlich schwierig, mich zu orientieren, was möglich ist.

 

M: Irgendein Liedchen oder Gedicht geht auch.

 

T: Ihr hättet das vorher sagen sollen, dann hätte ich mich vorbereitet. (lacht) In Wirklichkeit habe ich ein Gedicht über einen Igel, den ich mal bei FB gepostet habe, aber ich erinner mich nicht mehr dran.

 

M: Gibt es noch etwas, was die Igel zum Schluss sagen möchten?

 

T: Die Igel wollen sagen, eher wünschen, eher friedlich leben. Die wollen... Jetzt ist der Frühling, für sie beginnt die Paarungssaison. Sie wollen denken, genau so wie die Menschen denken sollen, an Kinder kriegen. Sie sollen an die Geburt neuer Generationen denken und nicht an das Sterben im Krieg. Das ist der einzige Wunsch. Das ist auch der Wunsch für alle anderen Länder, dass die einzige Sorge die Liebe ist. (min. 14:25)

 

Ich denke, das habe ich blöd gesagt.

 

M: Warum?

 

T: Weiß ich nicht, ist irgendwie dumm. Ich hätte dieses Lied, was im Zeichentrickfilm läuft, singen können, aber ich erinner mich nicht an sie.

 

M: Kannst du den Igel halten? Einen oder beide? (setzt die Igelfiguren vor sich)

T: Um die Geschichte der Igel fortzuführen...ich habe angefangen, sie herzustellen. Dann hat ein Kiever Fotograph, der sie bei der Ausstellung gesehen hat, mir eine Fotosession geschenkt. Die war sehr gelungen. Die habe ich dann unter meinen Freunden verschickt. Einer von meinen Freunden ist der deutsche Businessman Sieghard Raschtorf. Er hat sie gesehen, die Igel haben ihm gefallen und er hat sie seinen Freunden gezeigt. Als wir uns getroffen haben, hat er vorgeschlagen, einen Zeichentrickfilm mit den Figuren aufzunehmen. Für mich war das etwas unerwartet und interessant. Zeichentrickfilme mag ich natürlich seit meiner Kindheit und damals hatte ich sogar den Traum, selbst mal einen Zeichentrick zu produzieren. Deshalb hat die Idee bei mir eingeschlagen. Er hat einen Regisseur gefunden. Eher Komponisten Sparinksi. Wie soll ich den nennen?

 

M: Alexander.

 

T: Nein, ich meine vom Beruf. (alle lachen)

 

M: Ich erinner mich auch nicht.

 

T: Die Idee war, dass Alexander Sparynskij angefangen hat sich mit dem Zeichentrickfilm zu beschäftigen. Er hat ein Lied vorgeschlagen, welches hieß “Verliebter Igel”. Einen anderen Vorschlag gab es noch, aber ich fand, dass der verliebte Igel besser sei, da gerade Krieg stattfindet und Menschen gestresst sind. Niemand denkt über das Leben nach, mehr über den Tod. Das ist nicht besonders toll, weils schwierig ist. Wir haben beschlossen über das Leben zu drehen. Ein Lied wird von kindlichen Stimme gesungen. Der Igel hat sich in einen Vogel verliebt, aber der Vogel beschloss zu reisen und nicht mit dem Igel zu bleiben. Er war etwas traurig, traff dann aber seine zweite Hälfte - die Igelin. Bei denen hat es geklappt. Sie lebten als glückliche Familie. Warum genau so ein Zeichentrickfilm? Weil wir wollen, dass Menschen in der Ukraine glücklich sind. Dass Familie ein großer Schatz ist. Dass es Glück gibt. Dass Kinder zur Welt kommen. Ich wiederhole mich jetzt, aber es ist das wert, auch um selbst das nicht zu vergessen.

Wie soll ich besser anfangen? Warum solche Gedanken? Weil ich persönlich Angst habe zu dieser Zeit in diesem Land ein Kind zur Welt zu bringen. Ich habe Angst, dass morgen Bomben über Kiev fallen. Das ist möglich. Wir sind nicht dagegen versichert. Das, was heute in Donezk und Luhanst stattfindet, kann morgen hier stattfinden. Wir haben gesehen, was auf dem Maidan stattgefunden hat. Der Mensch ist hier nicht geschützt. Du kannst dafür, dass du frei oder einfach nur Mensch sein willst, getötet werden. Meinen Mann können sie auch in den Krieg nehmen und ihn töten. Deswegen will ich sehr, dass hier Frieden herrscht und dass wir keine Angst haben müssen, Kinder zur Welt zu bringen.

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